Im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum tut sich Polen noch schwer,
Formen des bürgerlichen Engagements zu entwickeln, die über den reinen
Protest hinausgehen. Erklärbar wird das durch die Geschichte: Fast 200
Jahre, mit einer kurzen Unterbrechung zwischen den beiden Weltkriegen,
konnten die Menschen nicht in Freiheit leben. 123 Jahre lang existierte
der polnische Staat noch nicht einmal auf dem Papier. Dennoch ist der
Nationalgedanke in zahlreichen Untergrundbewegungen und mit
Unterstützung der Kirche immer aktiv geblieben. Die Identifikation mit
„dem Staat“ jedoch konnte dadurch nicht stattfinden. Das hat Folgen
bis heute. Viele Polen identifizieren sich noch immer nicht mit
dem Staatswesen und auch nicht mit bürgerlichem Engagement. Für
sie steht die Familie an erster Stelle. Für NPOs ist es daher eine
große Herausforderung, Unterstützerpotenziale zu generieren, die über
die reine Spendenzahlung hinausgehen. Freiwilliges Engagement für ein
bestimmtes Ziel muss daher erst noch geübt und das Misstragegen diese
Form des Engagements überwunden werden. Einen großen Beitrag zur
Entwicklung einer Zivilgesellschaft leisteten nach 1989 Stiftungen wie
die amerikanische Fundacja Batorego oder die deutsche
Friedrich-Ebert-Stiftung.
Fundraising noch Fremdwort
In Polen kann jeder Steuerzahler ein Prozent von seiner Steuerschuld
gemeinnützigen Zwecken zukommen lassen. In seiner Steuererklärung trägt
er die entsprechende Organisation ein. In den Genuss dieser Regelung
kommen aber nur NPOs, die sich vorher beim Wirtschaftsministerium in
Warschau registrieren haben lassen. Mit der Registrierung sind
verschiedene Auflagen
verbunden, so zum Beispiel die regelmäßige Veröffentlichung der Diese
können von jedem Interessierten im Internet auf der Seite.des
Ministeriums eingesehen werden.
Im Jahr 2009 waren 6 038 Organisationen empfangsberechtigt. 380
Millionen Zloty, das sind circa 95 Millionen Euro, kamen zusammen. Das
meiste Geld, etwa 62 Millionen Zloty, erhielt die Stiftung Zdążyć z
Pomocą. Der Nachteil: Nur die Organisationen, die über einen genügend
großen Werbeetat verfügen, erhalten auch entsprechend hohe Summen. Nach
Schätzungen sind dazu derzeit lediglich zehn Prozent aller
Organisationen in der Lage. Nur 50 Organisationen kommen auf Einnahmen
über eine Million Zloty, also 250 000 Euro, der Rest muss sich mit
weitaus geringeren Summen begnügen.
„Das Thema Fundraising ist in der breiten Gesellschaft noch
nicht ngekommen. Heutzutage weiß erst ein Prozent der Bevölkerung etwas
mit dem Begriff anzufangen. Das muss sich ändern“, gibt sich Paweł
Bronikowski, Direktor des polnischen Fundraisingverbandes „Polskiego
Stowarzyszenia Fundraisingu“ (PSF), kämpferisch. Der Verband ist erst
vier Jahre alt und hat bereits 180 Mitglieder. Kritisch schätzt
Bronikowski ein: „Das polnische Fundraising steht noch am Anfang. Es hat
Energie und einen starken Willen, lebt aber häufig noch von
Einzelaktionen. Spendenbriefe, Telefonfundraising
oder Online-Fundraising: Das sind alles Instrumente, die erst noch
etabliert werden müssen. Unsere Herausforderung ist es auch, täglich an
der Weiterentwicklung der Beziehung zu unseren Spendern und
Geschäftspartnern zu arbeiten und dabei strategisch vorzugehen.“ 61
Prozent der Non-Profit-Organisationen erklärten in einer Umfrage, dass
ihr größtes Problem der Erwerb von Geldern für ihre Tätigkeit ist. Viele
versuchen daher EU-Mittel zu erhalten.
Direct Mail kaum verbreitet
Der Einsatz von Direct Mails für die Spendenwerbung ist in Polen noch
nicht weit verbreitet. Es gibt nur einige größere Organisationen, deren
Datenbanken mehr als 100 000 Spender umfassen. Dazu gehören SOS Wioski
Dziecięce, Fundacja „Dr Clown” oder Fundacja Maciuś. Ein Grund ist auch
der polnische Postmarkt, der noch nicht dereguliert ist. Darauf warten
die polnischen Fundraiser dringend, die Deutsche Post als Partner wäre
hoch willkommen. Bislang ist es alleine die Firma SAZ, die sich als
Pionier auf diesem Feld bewegt. Die professionelle Ausbildung der
Fundraiser ist ein Schwerpunkt des PSF. 2010 konnte er, dank Zuschüssen
des Europäischen Sozialfonds (ESF), eine Ausbildungsreihe auflegen.
Allein in diesem Jahr werden 60 Personen das Europäische
Fundraisingzertifikat erhalten.
Polen hat eine der jüngsten Bevölkerungen in Europa. Auch die junge
polnische Fundraisingszene gewinnt an Dynamik. Sie ist hoch motiviert
und kreativ. Das ist auch an den Projekten zu spüren: Das Hampelmännchen
Pajacyk, eine kleine hölzerne Figur, ist mittlerweile in Polen sehr
bekannt. Wenn der Internet- Nutzer auf der Seite www.pajacyk.pl einmal
auf den Bauch des virtuellen Hampelmanns klickt, dann ermöglicht er
damit ein warmes Mittagessen im Wert von 2,50 Zloty für ein Schulkind –
finanziert von Firmen, deren Logo auf einem Laufband auf der Seite
eingeblendet ist. Mit dieser Aktion werden derzeit 3 522 Kinder in ganz
Polen versorgt. Ergänzend zum Klick im Internet finden Auktionen statt,
auf denen Holzpuppen versteigert werden, deren Kleidung von bekannten
Modeschöpfern Polens gestaltet werden. Auch die „alte“ Solidarnosc hat
das Fundraising für sich entdeckt. Gemeinsam mit Medienpartnern
initiierte sie eine Postkartenaktion zur Frage „Was bedeutet dir das
Wort Solidarität?“. Um möglichst viele Antworten zu erhalten, kann der
Teilnehmer ein Treffen mit Lech Walesa, dem Friedensnobelpreisträger
und ehemaligen Anführer der Solidarnosc, gewinnen. Gleichzeitig geht ein
Zloty an die Organisation Polska Akcja Humanitarna, die damit ein
Ausbildungsprojekt finanziert.
Auch wenn knappe Finanzbudgets, zu wenig ausgebildete Fundraiser und ein
noch mangelndes Bewusstsein in der Bevölkerung und bei den Vorständen
hemmend wirken: Die polnische Tugend, mit begrenzten Möglichkeiten große
Dinge zu tun, lässt für die Zukunft auf eine positive Entwicklung
schließen.